2002 Newport, RI — Der ungleiche Wettkampf
September 2002. New England. Zwei Boote. Eine Rechnung, die noch offen ist.
Grundlegende Vorbereitungen, Monate vor dem Reisetermin, sicherten Andi und Navigatore zwei Beneteau 42 und viel Spannung auf den eigentlichen Törn. Wieder einmal lief alles wie am Schnürchen — mal abgesehen von Navigatore’s führerscheinlosem Autounfall in Manhattan am Anreisetag. Schnell die Karre ausgetauscht und weiter ging es.
Beim Überqueren der Newport Bridge und dem Anblick der Bucht von Newport mit den zahlreichen Segelbooten wurde dann allen klar: “That’s it!!” Der Wind pfiff, und die schlanken Boote durchschnitten das Wasser mit einer Krängung, die Gutes erwarten ließ.
Die Boote hatten Namen: Summer Wind und Summer Magic. Allein die Namen sagten schon die Unvermeidlichkeit aus, die sich in den folgenden Tagen auf dem Atlantik vor Neu England entfalten sollte.
Die Crews
Summer Wind: Eck, Andi, Ralf (Knost), Klaus, Steffen
Summer Magic: Skipper Jan, Pille, Cheesy, Jean-Marie, Stevo
Das Logbuch — Tag für Tag
14. September — Newport → Block Island (33 Seemeilen)
Das Match-Race beginnt. Noch vor dem Ablegen herrscht Einigkeit nur darüber, dass Uneinigkeit herrscht. Beide Crews haben ihre eigene Vorstellung davon, wie man Newport verlässt — und noch viel mehr davon, wie man Block Island als Erster erreicht. Navigatore peilt den Kurs. Der Wind hält mit.
15. September — Block Island → Menemsha, Martha’s Vineyard
Etappe 2 des großen Duells. Bei 5-6 Beaufort hält die Summer Magic meistens durch die Wogen des Weltmeeres und lässt der Summer Wind keine Chance. Die Crew des Wind hat die Wucht der New-England-See noch nicht vollständig gespürt — die Magic dagegen längst.
Die körperliche Anstrengung ist enorm. Teile der Magic-Crew suchen nach der Überfahrt die Koje auf, um die Voraussetzungen für die nächsten Etappen zu pflegen. Cheesy und HC halten die Stellung. Irgendwo zwischen Block Island und Martha’s Vineyard fällt ein Becher um — und niemand schaut mehr hin.
Einlaufen in Menemsha. Summer Wind und Summer Magic liegen zusammen an der Mooring. Frieden für eine Nacht.
16. September — Menemsha → Tarpaulin Cove, Naushon Island
Eine kurze Etappe, aber mit Würde gefahren. Wasservorräte aufgefüllt. Beide Boote ankern zusammen in der traumhaften Bucht von Tarpaulin Cove — einem der bestgehüteten Geheimnisse der New-England-Küste.
17. September — Ruhetag in Tarpaulin Cove
Aufgrund regnerischen Wetters entscheiden die Crews einen wohlverdienten Ruhetag einzulegen. Noch zwei Segeltage hatten die Pirates sowohl seemäßige Leistungen gezeigt wie sonst nur während eines ganzen Törns.
Der Ruhetag beginnt — nach Pirates-Tradition — nicht vor 5 Uhr morgens. Die Crew der Summer Wind nutzt die Zeit, um taktische Feinheiten zu studieren. Die Summer Magic nutzt sie für Jean-Marie.
Denn Jean-Marie kocht. Belgische Eier. Wer sie noch nie probiert hat, schweigt danach ebenfalls — aber aus anderen Gründen. Die Bucht liegt still. Regen auf dem Wasser. Kanadischer Whisky. Kuba-Zigarren. Wer braucht schon Newport.
18. September — Tarpaulin Cove → Padanaram (South Dartmouth, MA)
21 Seemeilen. Kumulierter Törn: 104 Seemeilen. Die Rechnung zwischen den Booten bleibt offen.
19. September — Die Haie und das Haifischgericht
Dieser Tag gehört der Geschichte.
Vor Padanaram: Zwei Haie. Auftauchend, umkreisend, wieder abtauchend. Der Praktikant Jean-Marie, nun vom Atlantik hinreichend beeindruckt, kommt nicht umhin zu bemerken:
„Dafür muss man in Deutschland viel Geld bezahlen!”
Diese zusätzliche Motivation führt zu einem überwältigenden Sieg der Summer Magic. Der Skipper bestellt am Steg Hummer. Zigarren und Rum. Beide Crews heben das Glas auf die daheim gebliebenen Pirates — und auf die Haie.
20. September — Woods Hole und das große Finale
Der entscheidende Tag des Match-Race. Die Durchfahrt durch Woods Hole — eine enge, tückische Tidenrinne zwischen den Inseln — wird zur Schicksalsfrage.
Die Summer Wind nimmt taktisch früh Kurs auf die Durchfahrt und sichert sich den entscheidenden Vorsprung. Die Summer Magic spurtet in einem Kopf-an-Kopf-Rennen hinterher — zu spät, zu nah, zu unerbittlich. Woods Hole entscheidet zugunsten der Wind.
Aber das letzte Wort hat Newport.
Finale — Third Beach → Newport
Traumhafte Ankunft in Newport. Mit Vorwind Kurs unter der Newport Bridge hindurch. Die Flaggen der Pirates wehen auf beiden Masten.
Nach Punkten — nach navigatorischen Güldpunkten, nach Etappensiegen, nach dem Gesamtbild einer Woche auf dem Atlantik — geht der Sieg an die Summer Magic. Verdient. Knapp. Unvergesslich.
Im Logbuch steht der letzte Eintrag:
„Auf eine Revanche in 2003 — dem Jubiläumsjahr der Pirates of Love, wahrscheinlich in Griechenland, dem Geburtsort der schneidensten Segler…”
Ausbildungsbericht: Der Praktikant ergreift das Wort
Traditionell angeheuert im Dienstgrad „Praktikant”, hat sich Jean-Marie Degeest schnell in das harte Leben an Bord eingefunden. Sein Praktikantenbericht — verfasst am 1. Januar 2003 aus New York, auf Englisch, weil er das Schreiben auf Deutsch fürchtet — soll allen zukünftigen Praktikanten als Pflichtlektüre empfohlen werden.
To: From: Thomas Subject: Summer Wind, Summer Magic…. Happy New Year
Sehr geehrte Pirates,
Rather than writing a detailed report with excessive and chronological narration of our incredible sailing performances in the western Atlantic, I believe it would be more useful to summarize some key “lessons learned”. Future Praktikanten should benefit greatly from these key points.
1. Erste Lektion — Nick-names
When being invited to participate in a Pirate Törn, a smart Praktikant will acknowledge to the Pirates team how honored he is for being considered. However, candidate Praktikanten should be very cautious in choosing their language and words in doing so, since any reference to German or foreign soccer personalities might result in the adoption of unexpected and / or undesired nick-names.
2. Zweite Lektion — Healthy Competitiveness
On the surface, Pirates of Love Törns can be a friendly teaming experience. However, if the Törn involves two boats or more, the real nature of the event will prove to be highly competitive. Be prepared. The real competition subtly starts during the early procurement phases in which seemingly identical boats are allocated to each team. A good Praktikant will participate actively here and ensure equal distribution of goods — or even better, unequal distribution in favor of his team.
3. Dritte Lektion — Kicken
On the surface, Pirates of Love Törns are about sailing. Don’t be mistaken. The real goal of these sailing trips is a quest for the perfect ground to play soccer. Pirates tend to get very excited when one of the crew notices in the distance a golden beach with the right dimension and surface. They will abort all sailing competition, drop the anchor and move on to a sacred level of competition, called “Kicken”.
A good Praktikant is a good soccer player — or carries the name of a very good soccer player.
4. Vierte Lektion — Geographie
Prepare your knowledge of geography. Knowing where the “Steinberger See” or “das schöne Harz” are located will make the life of a Praktikant a lot easier.
5. Fünfte Lektion — Kulinarische Tipps
5a. Don’t get involved in choosing pizzas on day 1.
5b. Pirates love to eat and drink well. It is recommended that Praktikanten master basic recipes such as Belgian Eggs. You should be aware the Pirates will need time and coaching to adapt to major changes such as Belgian Eggs.
5c. Don’t be misled by Pirates’ love for simple culinary joys. At times, Pirates can get very demanding and will, in an apparently random search, hit the most exclusive restaurant in the state. Exclusivity in Pirates’ terms refers to: 1 — the price; 2 — the quality of the food; 3 — the looks and charms of the waitress. This order should probably be reversed.
6. Sechste Lektion
A good Praktikant is always on the look-out for the Swedish boat.
Viele Grüße, der Jean-Marie
Technisches
Boote: 2 × Beneteau 42 Revier: Newport, RI → Block Island → Martha’s Vineyard → Naushon Island → South Dartmouth → Newport Gesamtstrecke: ca. 130 Seemeilen Sieger Match-Race: Summer Magic Sieger Belgische Eier: Jean-Marie Sieger Haifischsichtung: alle
Seglerisch bot dieser Törn alles was das Herz begehrt. Genau das richtige für die Vorbereitungen auf das Jubiläumsjahr 2003. Zehn Jahre Pirates of Love. Griechenland ruft.