Sommer 1996. Allgäu. Kein Wasser weit und breit. Warum segeln wir eigentlich immer?
Die Frage kam völlig überraschend — mitten während des Törns La Corse ’96. Keiner hatte spontan eine schlagkräftige Antwort parat.
Nach kurzer Diskussion waren sich alle Pirates einig: Endlich einmal etwas anderes ausprobieren. Einmal nicht den ganzen Tag an Bord abhängen, Bier trinken, futtern und hochintelligente Gespräche führen — sondern die Natur erleben. Den Geruch frischen Mooses in der Nase. Das Liebesspiel der nordeuropäischen Bergziege beobachten. Klares Wasser aus eiskalten Bergbächen. Deftige Brotzeiten statt Heineken und Prinzenrolle.
Der Plan
Schnell waren die verantwortlichen Organisatoren für das nächste Abenteuer ausgemacht: Unter den Crewmitgliedern befanden sich nämlich zwei stinkige Landratten, die neben der Segelei noch dem ausgefallenen Hobby Bergwandern frönen.
So kam es zu der, in Bergsteigerkreisen heute noch Anerkennung findenden, Aktion: den Allgäuer Hochvogel ohne Sauerstoffgeräte und vor allem ohne Träger in nur drei Tagen zu besteigen.
Der Aufstieg
Schon beim Aufstieg wurde einigen unserer Helden klar, dass Bergwandern nicht den Grad an Entspannung bieten kann wie: hart am Wind, bei herrlichem Sonnenschein, Goldröhre in der Hand, auf den Zielhafen zuzusteuern.
Aber der sportliche Ehrgeiz hat unsere Helden vorangetrieben. Schlappmachen — und sich der Häme der Bergführer aussetzen — kam für niemanden in Frage.
An einer Stelle mussten die Pirates sogar in eine Wand einsteigen, die Reinhold Messner mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus Angst umgangen hätte.
Der Gipfel
Doch beim Erreichen des Gipfelkreuzes wurde allen Beteiligten klar, dass sich die Anstrengungen gelohnt hatten. Vor ihnen lag die atemberaubende Schönheit der Alpen. Vergessen waren Wind, Wellen und Sonnenschein. Vergessen auch die einsamen Buchten, in denen die Pirates normalerweise Entspannung finden.
Still und andächtig genossen unsere Freunde die Fernsicht von schätzungsweise 47 Metern.
Der Abstieg
Beim Abstieg verschlechterte sich das Wetter dramatisch. Bei Nebel und Regen irrten die Seefahrer durch bizarre Gebirgslandschaften. Einige glaubten das Ende nahe. Wie konnten sie nur die sicheren Schiffsplanken mit Geröll, Moos und Schneefeldern tauschen?
Nur der Leichtmatrose Klaus — für dieses Abenteuer als verantwortlicher Bergführer eingesetzt — behielt die Ruhe. Souverän und mit stoischer Gelassenheit hatte er nur ein Ziel vor Augen: seine Mannschaftskameraden zurück ins sichere Basiscamp zu führen.
Schließlich erreichten die Pirates unter seiner Leitung glücklich die Prinz-Luitpold-Hütte, um am nächsten Tag mit einem lustigen Spaziergang stolz und gut gelaunt ins Tal hinabzusteigen.
Technisches
Revier: Allgäuer Alpen
Gipfel: Hochvogel, 2.592 m
Dauer: 3 Tage
Bergführer: Klaus
Sauerstoffgeräte: keine
Träger: keine
Fernsicht vom Gipfel: ca. 47 m (Nebel)